Gehätschelte Neonazis

Magdeburg ist Mode: Überschriften wie „Ausschreitungen nach Neonazidemonstration“ durchziehen die Presse, suggerieren: „Die bösen Linksextremisten, die Steinewerfer – und die Rechten, die sich brav an die Auflagen halten, sind doch gar nicht so böse“. Klar, so wird es gewesen sein: Ein paar nach einem anstrengenden Einsatz geschaffte Beamte schlendern ganz unschuldig noch ein bisschen durch die Stadt; da steigen ein paar irre Linke in das Obergeschoss eines Hauses, einfach so aus Langeweile, um die Ordnungshüter mit allerlei Krimskrams und einer Betonplatte zu bewerfen…

Rückblick: Hinter dem Theater der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt in Richtung Norden ist alles dicht. Es ist kein Durchkommen über die und rechts und links neben der Lüneburger Straße, die unmittelbar hinter dem Breiten Weg, dem Ort der „Meile der Demokratie“, beginnt. Auch die Lübecker Straße, die sich wiederum an die Lüneburger anschließt und sich bis an Magdeburgs nördliches Ende hinzieht, ist dicht. Hamburger Gitter und schwergepanzerte Polizeikräfte mit Helm und der Hand am Knüppel sorgen schon in den Morgenstunden dafür, dass niemand mehr passieren kann. Der Grund: Der am frühen Nachmittag bevorstehende, angemeldete und genehmigte Aufmarsch, mit dem die Neonazis unter Leugnung der Verbrechen des Faschismus und unter dem Vorwand des Gedenkens an die Magdeburger Bombenopfer zum Ende des zweiten Weltkrieges ihre Ideologie propagieren. Einzige mögliche Ausnahme: Der, der durchwill, sieht nicht „links“ aus und wohnt gleichzeitig im Sperrgebiet. Links sieht man hier gewöhnlich aus, wenn man die Haare länger als wenige Millimeter oder mindestens ungescheitelt trägt, dabei unter achtzig Jahre jung und augenscheinlich in der Lage ist, sich über mehrere hundert Meter auf zwei Beinen ohne Gehstock fortzubewegen.

Um zur Mahnwache an der Synagoge am Neustädter Bahnhof zu gelangen, die sich direkt neben dem Sperrgebiet befindet, gilt es, die polizeiliche Vorhut samt Gitter am Anfang einer vertikalen Nebenstraße zu passieren. Eine ganze Reihe von Leuten, die „links“ aussehen, stehen Schlange. Personalienfeststellung. Sie haben die Gesichtskontrolle nicht überstanden. Genauso wie eine ältere Dame, die sich auf ein mit Einkäufen schwerbepacktes Fahrrad stützt, eigentlich nach Hause will und nur vergessen hat, dass heute alles dicht ist. Sie darf nicht heim auf gerader Strecke, wird auf einen großzügigen Umweg verwiesen. Sieht sie auch links aus?

Kurze Zeit später: Auch viele Parallelstraßen der „Gefahrenzone“ sind nun nicht mehr passierbar. Nur weiß das nicht jeder, wie eine Gruppe von fünf Leuten. Sie rennen nicht und unterhalten sich leise. Da springen plötzlich „Robocops“ aus einem Polizeiwagen, halten sie fest, kopieren die Ausweise, die „in einer Kartei aufgenommen werden“ (welcher?) und sprechen Platzverweise aus. Grund natürlich: „Sie sehen links aus.“ – „Seien sie still. Sie sind jetzt in einer Maßnahme.“ Diskussionen sind nicht erwünscht. In dem Fall droht eine „Ingewahrsamnahme“, wie der Chef des Trupps (oder der, der sich so aufspielt) in deutlich aggressivem Ton zu verstehen gibt. Eine Viertelstunde später: „Sie dürfen jetzt nach dort verschwinden!“ Seine Handbewegung gleicht jener, mit der man eine lästige Pferdefliege verscheucht.

Im Nordpark sieht man die ersten Verfolgungsjagden. Einsatzkommandos von gleich aussehenden „Panzerpolizisten“ rennen mit gezückten Knüppeln in Menschengruppen rein und hinter ihnen her. Nach „dort“. Aktivisten, die genug haben vom „Bockwurst essen und Basteln gegen Nazis“, werden an verschiedenen Stellen eingekesselt. Eine Stelle ist der Uniplatz. Dort ist am frühen Nachmittag alles friedlich, die Menschen – junge und alte, augenscheinlich autonome und augenscheinlich nichtautonome – stehen in ihrem Kessel herum. Ein paar beginnen, Musik zu machen, manche tanzen dazu, andere halten einfach ihre Transparente hoch. Bei ihrem Tun werden sie stets sichtbar gefilmt von allen Seiten. Ein Hubschrauber kreist über den Köpfen. Polizeiautos und deren schwarze Mannschaften ziehen dichter auf und versperren die Sicht auf die Straße. Zwei Wasserwerfer fahren vor und Wagen mit seltsamen Antennen darauf. Ab und zu rennt eine Gruppe auf Ohrknopfkommando durch die Menge. Dann und wann greifen sie sich einen raus, führen ihn ab. Den Grund kann ich nicht erkennen.

Langsam heizt sich die Stimmung auf. Ein paar Leute haben es durch eine versehentliche Lücke der Polizisten geschafft, sitzen auf der Straße, werden umzingelt von den Freunden und Helfern. Kommen die Nazis hier entlang? Wagen sie sich das wirklich? Die Zeit vergeht, während die Polizeikameras jedes Gesicht abscannen und der Hubschrauber brummt. Die Beamten sprechen nicht, sie geben Befehle und führen Befehle aus. „Wir sind bei euch“, rufen am Zaun Stehende und immer wieder Weggedrängte den Blockierenden zu. Von dort, man kann es durch die Lücken zwischen Panzerbeinen und baumelnden Knüppeln sehen, ein Winken. Einer, der auf einem Baum sitzt, sieht sie Nazis jetzt. „Sie kommen! Sie haben angehalten!“ Die Wut wächst. Hinter einer Ecke des Unigebäudes beginnt eine Mülltonne zu brennen. Polizisten versuchen zu löschen, die Feuerwehr kommt. Weitere Festnahmen. Später wird die Tonne von einem Wasserwerfer restlos gelöscht werden. Ein paar Feuerwerkskörper fliegen über Polizisten und deren Autos hinweg auf die Straße. „Wir wollen keine Nazis!“.

Mit freundlicher Genehmigung darf ich heraus. Es liegt zum Glück nicht daran, daß ich nicht links aussehe. Ich gehe die Lüneburger Straße ein Stück hinauf. Dort stehen sie, hissen ihre Fahnen entlang beider Seiten, spielen ihre Marschmusik. Es sind mehr als im letzten Jahr, 1200 sagt die Polizei, mir erscheint diese Zahl fast zu gering. Hier tragen die Polizisten ihre Helme nicht. Zwei von ihnen scherzen mit einem bulligen Glatzköpfigen herum. Den einen neben dem vorderen Transparent erkenne ich wieder. Er mich anscheinend auch. Als ich näher herangehe, höre ich sein höhnisches Lachen und ich glaube, so etwas wie „Rotfaschistensau“. Ich habe keine Angst, aber ich bin so wütend, dass ich am liebsten drauf losplätten möchte. Nazis, Bullen, alles, was hier kreucht und fleucht. Wenigstens irgendetwas brüllen, wie „gehirnamputiertes Pack!“. Die Theorie mit dem Weltretten durch Liebe geht nicht immer auf. Ich kann nicht weiter fotografieren. Wenn ich jetzt nicht kehrt mache und nicht toben darf, würde ich mich wohl auf die Straße setzen und heulen. Statt dessen kehre ich besser zurück in den Kessel, wo ein paar Freunde sind, ganz freiwillig. Ein Beamter tippt sich an seinen glatzköpfigen Helm und guckt mich an, als sei ich nicht ganz paletti.

Der auf dem Baum Sitzende vermeldet: Sie sind gleich da! Das kann ich bestätigen. „Nazis raus!“ Ein Mädchen fängt an zu weinen, als der Aufmarsch mit all den schwarzen Fahnen und grinsenden Gesichtern vorbeizieht. Der braune Mantel hängt ihnen bedrohlich greifbar um, und nicht nur ihnen. Einige der Nazis treten, von der Polizei beschützt, aus der Menge heraus, fotografieren in aller Ruhe die Gesichter der eingekesselt Demonstrierenden. Wum! Und nochmal: Wum! Feuerwerkskörper fliegen mitten hinein. Es kocht. Ich kann nicht anders, muss mich mitfreuen über jedes krachende und rosa qualmende Geschoss. Die Polizei zieht den Kessel dichter, setzt Pfefferspray ein. Wum! Aufstand im Knast.

Es dämmert, der Wind weht eisig kalt. Erst eine Weile nachdem die Horde an der Uni vorübergezogen und direkt am Beginn des Breiten Weges abgebogen ist, gelingt es den ersten, aus dem Kessel zu gelangen. Ich sehe in wütende und fassungslose Gesichter. „Dass die diese Massen von Nazis hier entlang laufen lassen, direkt an der Synagoge und an der Meile vorbei, das ist eine unglaubliche Provokation.“ Eine von der Polizei genehmigte und vom Oberbürgermeister mitgetragene Provokation. Viele wollen noch blockieren, sprechen Vermutungen aus, denn niemand weiß, bis wohin die Nazis laufen. Man kommt nirgendwo durch, muss Schleichwege benutzen. Darum laufen ganze Gruppen zu diversen Zielen ihrer Spekulationen. Absprachen unter Fremden. Rufen, Rennen. Doch die Abschlusskundgebung der Braunen ist bereits im Gange. Von wegen: nicht zentral.

Später gehe ich über die Meile, die schon im Aufbruch ist. Ein mir flüchtig Bekannter zeigte sich begeistert „von dem bunten Fest“. Ich balle die Faust in der Tasche, schnauze ihn an: „Eure Meile ist für den Arsch! Nächstes Jahr kommen noch mal 500 Nazis mehr. Eure Bier- und Bockwurststände könnt Ihr Euch sonst wohin stecken!“ Er will nie wieder mit mir reden. Das ist mir egal.

Eine Gruppe von etwa 50 Jugendlichen zieht in Richtung Hauptbahnhof. Was auch immer sie dort wollen: Nazis verhauen kann es nicht sein. Denn die werden von ihren Freunden und Helfern zum Neustädter geleitet, das wissen mittlerweile alle. Für die Magdeburger Braunen haben sie vielleicht extra eine Straßenbahn gechartert. Vorstellen könnte ich´s mir. Und eine Station ist vielleicht das Linkspartei-Büro, wo später Scheiben zu Bruch gehen und Nazipropaganda gefunden werden wird.

Ich gehe hinterher, denn die Gruppe macht eine kleine Spontandemo daraus, ruft und singt im Chor auf verschiedenen Sprachen, dass sie Nazis nicht will. Ein bisschen Pyrotechnik böllert harmlos auf den Weg und färbt die Luft schweinchenrosa und pink im Wechsel. Ungemütlich wird es erst, als uns ein Riesenaufgebot Polizeiautos folgt. Unser Schritt wird automatisch schneller. Vor dem Bahnhof rücken Einsatzkommandos zu Fuß an. Rennen. Rufe: Los, komm, hier lang! Die Robocops, von denen immer mehr auftauchen, laufen in Reih und Glied hinterher, die Knüppel im Anschlag. Es geht in Richtung Stadtfeld, das ist mir sofort klar. Dort ist ein alternatives Jugendzentrum. Durch den Bahntunnel, weiter, weiter und nach links. Ich sehe Polizisten und mehr Polizisten hinter mir herlaufen. Deren Busse fahren an mir vorbei. Es ist eine Jagd, deren Grund ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe den blassen Schimmer: Wenn du weiter mitgehst, kommst du diese Nacht nicht mehr da raus und nach Hause. Ich bleibe stehen. Hinterher werde ich mich ärgern.

Wenige Stunden später folgen die Pressemitteilungen der Ordnungshüterbehörde: „Ausschreitungen nach dem Aufmarsch, Linke haben Polizeibeamte mit Gegenständen beworfen, eine Betonplatte ist aus dem Obergeschoss eines von Linken bewohnten Hauses geflogen.“ Genauso haben es die Medien abgeschrieben. Die Betonplatte selbst aber hat anscheinend niemand außer der Polizei gesehen. Nur kleine Ton- und Keramikscherben sollen auf dem Boden gelegen haben. Eine Anwohnerin aus der Nähe des Ortes des Geschehens schreibt in einem Kommentar: „Erst als die Straßen abgesperrt waren, die Polizei mit Kamerawagen, Suchscheinwerfern, Schützenpanzer (!) und Hundertschaften zum Haus vorfuhr, tauchten die Journalisten auf. Wer berichtet über die Hetzjagd der Polizei auf die Autonomen, was in der Debatte als „nach Hause begleiten“ bezeichnet wird? Über die Scheinwerfer in allen Fenstern der Nachbarschaft? (…) Ich wünsche mir Aufklärung über die Vorfälle von letzter Nacht und Mitspracherecht über das öffentliche Verhalten meiner von mir mitbezahlten Freunde und Helfer!“

(Die Veröffentlichung diese Erfahrungsberichts erfolgt auf Wunsch anonym)

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